Tasche vor halboffener Tür – der Moment bevor es real wird
Trends
16 May 2026

Zwischen Idee und Unternehmen liegt ein Weg

Ideen sind der Anfang von allem. Aber zwischen einer Idee und einem funktionierenden Unternehmen liegt eine Strecke, die viele unterschätzen – und manche nie wirklich antreten.

Ich kann mich dabei nicht herausnehmen. Denn wenn ich heute junge Startups beobachte, die bei mir sitzen – früh über Beteiligungen verhandeln, mit Ideenreichtum glänzen, den Weg zum Investor vorschlagen – dann erkenne ich exakt das Verhalten, das ich selbst vor zwölf Jahren hatte.

Ich gebe mittlerweile immer denselben Tipp. Den ich übrigens damals auch erhalten habe – und den ich in der Rückschau sehr zu schätzen weiß:

„Mach die Erfahrungen lieber selbst, bevor du einen Geldgeber hast, der jeden Fehler finanziell abfedert.“

Sobald man mit Investoren spricht, bevor man weiß wie das eigene Unternehmen wirklich funktioniert, gibt man die Kontrolle ab, bevor man sie je hatte.

Was passiert, wenn man zu früh Geld bekommt

Wir kennen eine IT-Firma, die eine gute Idee hatte. Die Idee wurde vorgestellt, eine Förderung wurde bewilligt. Zwölf Leute wurden eingestellt. Gehälter, Nebenkosten, Infrastruktur – alles lief für ein Jahr. Dann waren die Fördermittel aufgebraucht. Das Geld war weg. Alle mussten entlassen werden. Das Produkt kam nie so auf den Markt wie geplant.

Die Firma hat sich dann umorientiert, eine andere Richtung eingeschlagen und ist jetzt in der Dienstleistung unterwegs. Was vollkommen in Ordnung ist – denn offensichtlich gehörte das zur Entwicklung dieses Unternehmens.

Aber die zwölf Menschen, die ein Jahr lang angestellt waren – die hätten früher kommen können. Oder später. Zu einem Zeitpunkt, an dem das Fundament schon stand.

Mann morgens am Tisch – die Idee, das Denken

Meine eigene Geschichte

Ich hatte damals ein Produkt entwickelt. Wollte es auf den Markt bringen. Nach einer Odyssee an Unterlagen und Businessplänen bekam ich eine Förderung vom Arbeitsamt – 5.000 Euro Einstiegsgeld. Damit konnte ich die Firma gründen. Arnold Brauer hat mir damals sehr geholfen – daher kenne ich ihn.

Das Problem: Das Produkt, das wir in China hätten herstellen wollen, bewegte sich in einem Investitionsvolumen, das ich bei weitem nicht hatte. Also: Investoren suchen. Wir haben uns mit Produktdesignern zusammengesetzt. Keiner ist eingestiegen.

Heute ist mir das verständlich. Warum sollte ein Unternehmen eine fremde Idee unterstützen, wenn es selbst welche hat und selbst Geld umsetzen muss?

Wir hatten ein Designstudio in Stuttgart – die haben ein Angebot gemacht. Wir hatten ein Produktionsunternehmen – mit denen waren wir so weit, dass wir eine 40-prozentige Beteiligung ausgehandelt hatten. Dann kam das erste, was sie abgeliefert haben. Es war so weit entfernt von dem, was ich wollte, so schwach im Design, dass ich gesagt habe: hier können wir nicht weitermachen. Fast hätte es gerichtliche Auseinandersetzungen gegeben. Ich musste mich aus dem Vertrag rauskaufen.

Und dann gab es noch einen Investor. Idee super, sagte er. Sechs Millionen Euro. Sofort ins Ausland ziehen, dort eine Limited gründen, eine Halle hinbauen, Maschinen, Ingenieure. Fünfzig Prozent, vielleicht mehr.

Ich habe abgelehnt.

Zu viel. Zu schnell. Ich wusste überhaupt nicht, wie ich anfangen sollte.

Gespräch am Tisch – Arnold Brauer

Arnold Brauer und die eine Frage

Das Beispiel mit Arnold Brauer zeigt, wie es im Markt aussieht – und wie die Vorstellungen der meisten Menschen am Anfang eines Unternehmertums sind. Er rief mich an und fragte, ob ich Zeit hätte für ein Meeting mit einem seiner Schützlinge.

Ich habe mir die Idee angehört. Sie war gut. Wirklich interessant.

Aber ich habe nicht gefragt, ob die Idee funktioniert. Ich habe gefragt: ist er bereit Unternehmer zu sein? Durch Höhen und Tiefen – auch wenn es so hart wird, dass man nicht mehr weiß wie es weitergeht?

Er arbeitete noch bei einem großen Automobilhersteller. Wollte kündigen. Wollte Gas geben.

Gut. Dann fang an. Firma anmelden. Zum Amt laufen. Die offiziellen Dinge erledigen. Dort beginnt meistens der Teil, an dem es real wird.

Das „Aber“ das alles verrät

Im Laufe der Jahre habe ich gelernt, auf ein einziges Wort zu achten.

Sobald jemand sagt: ich will das machen, ich bin überzeugt davon – aber ich muss ja auch die Miete zahlen. Aber es muss ja laufen. Aber erst wenn das und das geklärt ist.

Dann ist für mich klar wie es weitergeht.

Nicht weil die Einwände falsch wären. Miete muss bezahlt werden – das stimmt. Aber das Aber sitzt tief. Die Art, wie jemand mit Unsicherheit umgeht, prägt oft das gesamte Unternehmen.

Wir haben das auch intern erlebt. Wir hatten vor, Geschäftsführer reinzuholen, Partner zu etablieren. Und immer wenn wir neue Wege zeigten – neue Möglichkeiten, neue Richtungen – kam das Aber. Es muss ja laufen. Da muss ja Geld reinkommen.

Wir haben heute keine laufende Partnerschaft mit diesen Menschen. Die Haltung hinter Entscheidungen zeigt sich meistens früher oder später im Unternehmen selbst.

Nicht jeder muss alles selbst können

Ich merke, dass diese Frage – bist du wirklich bereit – schnell falsch verstanden werden kann. Als wäre es ein Urteil.

Das ist nicht gemeint.

Es ist ein bisschen wie die Frage, ob jemand einen Hang zu Design hat. Viele Menschen interessieren sich für Ästhetik und Gestaltung. Aber nicht alle haben das Talent – und das ist vollkommen in Ordnung. Es ist eine Beobachtung, keine Wertung.

Genauso mit Unternehmertum. Nicht jeder muss alles selbst können. Ein guter Geschäftsführer kann auch einer sein, der sagt: ich habe die Idee – und ich stelle die Leute ein die sie umsetzen. In vielen Fällen ist das sogar die bessere Entscheidung.

Aber es gibt einen Unterschied zwischen jemandem der das bewusst so entscheidet – und jemandem der nie selbst durch schwierige Phasen gehen musste. Die Verbindung zum Unternehmen fühlt sich oft anders an, wenn das persönliche Risiko nie wirklich da war. Die emotionale Bindung zum Unternehmen ist oft eine andere.

Manche bauen etwas auf, weil sie das Gefühl haben, gar nicht anders zu können. Andere wollen weg – weg vom falschen Leben, weg von einem Job, der nicht passt. Manche haben beides gleichzeitig. Wer erst startet, wenn alles sicher wirkt, verschiebt den ersten Schritt oft endlos.

Die Momente wo man denkt: das war’s

Alle Unternehmer in meinem Bekanntenkreis kennen diese Geschichte. Es gab Phasen, die so schwierig waren, dass sie dachten: jetzt ist es vorbei.

Unser Nachbar – leider schon verstorben – hat einmal erzählt, dass es Phasen gab, in denen er seinen Bruder anrief und fragte: hast du noch ein bisschen Geld? Wir müssen die Löhne bezahlen. Sie haben vor vierzig Jahren im Schweinestall angefangen, mit ihrer ersten Maschine.

Heute ist daraus ein Unternehmen geworden.

Jasmin und ich haben solche Momente selbst erlebt. Phasen, wo man nicht wusste wie es weitergeht. Und über die Zeit lernt man etwas, das viele nie lernen:

„Dass es weitergeht ist völlig klar. Wie es weitergeht steht auf einem ganz anderen Blatt.“

Wer nach dem großen Wie fragt, lähmt sich selbst. Die richtige Frage ist kleiner: Was ist der nächste Schritt den ich jetzt tue? Was ist heute wichtig?

Frank Sinatra hat in drei Minuten etwas beschrieben, das viele Unternehmer irgendwann selbst erleben. I Did It My Way. Er dachte oft daran aufzuhören. Aber er machte weiter. Auf seine Art. Mit den schwierigen Phasen, die zwangsläufig kommen.

Mann in leerer Halle – der Weg, das Unbekannte

Warum unsere Schublade voll ist – und bleibt

Warum soll ich eine Idee von jemand anderem nach vorne bringen – Kampagne, Branding, Website, Programmierung, alles auf unsere Kosten – wenn unsere eigene Schublade voll ist?

Nur dann, wenn ich weiß, dass derjenige der hinter dem Business steht, es auch wirklich führt. Nicht solange es schön ist. Sondern auch wenn es schwierig wird.

Wir haben als Unternehmen für Produktentwicklung angefangen. Zwölf Jahre später arbeiten wir noch immer daran. Warum? Weil wir angefangen haben, uns zu bewegen.

Ich hatte schon mit 15 ein Praktikum in einer Werbeagentur gemacht – JK in Bielefeld. Das waren noch echte Agenturen. Wie bei Mad Men. Man hat sofort gespürt, dass dort Dinge entstanden. Und ich wusste damals schon: ich will das. Ich will eine eigene Agentur.

Und so hat sich das Unternehmen entwickelt. Mehr und mehr in Richtung Dienstleistung. Das ursprüngliche Produkt wurde dabei nicht aufgegeben – es wurde parallel weiterentwickelt. Es ist heute fast fertig. Wir werden es sicher noch launchen.

Der Plan hat sich verändert. Das Ziel nicht.

Götterbohne zum Beispiel entstand genau in einem solchen Moment, in dem man kurz innehielt um zu prüfen: bin ich noch auf Kurs? Nicht als Ablenkung. Sondern für etwas, das lange zurückgestellt wurde und irgendwann Priorität bekommen hat.

Unsere Schublade reicht von Lebensmitteln bis zu technischen Produkten, digitalen Dienstleistungen, KI-Anwendungen. Vieles ist halb fertig. Manches wartet. Wir entscheiden per Priorität was als nächstes ansteht.

Viele wichtige Erfahrungen entstehen erst dann, wenn man am Anfang selbst Verantwortung tragen muss. Wenn möglich, sollte man versuchen, so lange wie möglich selbst zu tragen. Spätestens wenn es anfängt zu laufen, verändert sich die Verhandlungsposition gegenüber einem Investor komplett.

Was den Unterschied macht

Nicht die Idee. Nicht der Businessplan. Nicht der Zeitpunkt.

Sondern die Bereitschaft den Weg zu gehen. Mit allem, was dazugehört. Mit schwierigen Phasen. Mit Unsicherheit. Mit dem Aber, das irgendwann kommt.

Pflanze wächst durch Beton – Weitermachen trotz allem

Und genau dort trennt sich oft eine Idee von einem Unternehmen.

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