Tasche vor halboffener Tür – der Moment bevor es real wird
Trends
19 May 2026

Zwischen Idee und Unternehmen liegt ein Weg

Ideen wirken am Anfang oft erstaunlich einfach. Fast jeder Unternehmer kennt diesen Moment: Eine Idee entsteht – und will nun umgesetzt werden.

Aber zwischen einer Idee und einem funktionierenden Unternehmen liegt eine Strecke, die viele unterschätzen – und manche nie wirklich antreten.

Wenn ich heute junge Startups beobachte, die bei mir sitzen – früh über Beteiligungen sprechen und schnell Richtung Investor denken – dann erkenne ich oft exakt das Verhalten wieder, das mein zwölf Jahre jüngeres Ich damals auch hatte. Es ist ein naheliegender Gedanke, das Thema Finanzierung komplett aus der Hand zu geben und sich dann ausschließlich auf sein Thema zu stürzen. Und ehrlich gesagt: Der Gedanke daran ist verführerisch.

Heute gebe ich allerdings immer denselben Rat, den ich damals selbst bekommen habe – und rückblickend wahrscheinlich unterschätzt habe:

„Mach die Erfahrungen lieber selbst, bevor du einen Geldgeber hast, der jeden Fehler finanziell abfedert.“

Wer zu früh Kapital aufnimmt, überspringt oft genau die Phase, in der Unternehmertum eigentlich gelernt wird. Zumindest war das bei uns eine der wichtigsten Erfahrungen.

Was passiert, wenn man zu früh Geld bekommt

Vor einigen Jahren haben wir ein Unternehmen begleitet, das früh sehr viel Kapital zur Verfügung hatte. Zwölf Leute wurden eingestellt. Gehälter, Nebenkosten, Infrastruktur – alles lief für ein Jahr. Dann waren die Fördermittel aufgebraucht. Das Geld war weg. Alle mussten entlassen werden. Das Produkt kam nie so auf den Markt wie geplant.

Die Firma hat sich dann umorientiert, eine andere Richtung eingeschlagen und ist jetzt in der Dienstleistung unterwegs. Wäre man damals von Grund auf Schritt für Schritt gegangen, hätte das Ergebnis vielleicht ganz anders ausgeschaut. Aber gut: „hätte, täte, wollen, würde, werde“ …

Mann morgens am Tisch – die Idee, das Denken

Meine eigene Geschichte

Ich kenne solche Situationen nicht nur von außen.

Ich hatte damals ein Produkt entwickelt. Wollte es auf den Markt bringen. Nach unzähligen Unterlagen, Gesprächen und Businessplänen bekam ich eine Förderung vom Arbeitsamt – 5.000 Euro Einstiegsgeld. Damit konnte ich die Firma gründen. Arnold Brauer – er gehört zu den Aktiv Senioren Ingolstadt, erfahrene Unternehmer aus der Wirtschaft, die ihr Wissen an junge Gründer weitergeben – hat mir damals sehr geholfen und mit seiner fachkundigen Stellungnahme die weiteren Schritte überhaupt erst möglich gemacht. Ohne seine Hilfe hätte mich der damalige Chef des Jobcenters an den Flughafen ans Laufband gestellt – so zumindest seine Aussage.

Das Produkt – das sich rund um das MacBook Pro drehte und das wir in China hätten herstellen wollen – bewegte sich in einem Investitionsvolumen, das ich bei weitem nicht hatte. Also begann die Suche nach Investoren. Wir haben uns mit Produktdesignern, Spritzgussfirmen, metallverarbeitenden Betrieben und Platinenherstellern zusammengesetzt. Keiner ist eingestiegen. Im Gegenteil – wir haben knappe 25.000 Euro an einen Entwickler gezahlt, nur um dann nach zwei Monaten herauszufinden, dass Apple mit einem simplen Update das Entwicklungsthema überflüssig gemacht hatte. Eine Erfahrung, die mir bis heute noch ein bisschen aufstößt.

Dass damals kein Unternehmen mit einem Freudenschrei auf unsere Idee aufgesprungen ist, habe ich erst Jahre später verstanden: Warum sollte ein Unternehmen eine fremde Idee unterstützen, wenn es selbst genug hat oder selbst Geld umsetzen muss und keine Manpower lange unbezahlt binden kann?

Und dazu kommt natürlich noch die gestalterische Komponente – das Herzblut. Niemand versteht das eigene Produkt bzw. die Vision so wie man selbst. Das habe ich schmerzlich erfahren können, als wir mit einem Produktionsunternehmen eine 40-prozentige Beteiligung ausgehandelt hatten, damit sie uns in den Anfängen unterstützen. Als das erste Ergebnis geliefert wurde, wollte ich den Vertrag so schnell wie möglich beenden. Es war so weit entfernt von dem, was ich wollte, so schwach im Design, dass ich gesagt habe: hier können wir nicht weitermachen. Fast hätte es gerichtliche Auseinandersetzungen gegeben. Ich musste mich aus dem Vertrag rauskaufen.

Im Anschluss daran – ca. ein Jahr später – hatte ich ernsthafte Gespräche mit einem Investor. Idee super, sagte er. Sechs Millionen Euro. Sofort ins Ausland ziehen, dort eine Limited gründen, eine Halle bauen, Maschinen, Ingenieure. Fünfzig Prozent Beteiligung. Das hatte sich so falsch angefühlt, dass ich ablehnte. Im Nachhinein wäge ich manchmal das Für und Wider ab. Aber ich komme immer zum selben Schluss.

Gespräch am Tisch – Arnold Brauer

Die Frage, die eigentlich entscheidend ist

Arnold Brauer rief mich Mitte letzten Jahres an und fragte, ob ich Zeit hätte für ein Meeting mit einem seiner Schützlinge. Er habe eine Idee von entscheidender Bedeutung und wolle jetzt jemanden haben, der einsteigt und die Idee ins Laufen bringt.

Ich habe mir die Idee angehört. Sie war gut. Wirklich interessant.

Nur dass die Frage nach der Idee in meinen Augen eher zweitrangig ist. Die wichtigere Frage zielt auf die Person hinter der Idee ab. Bist du bereit, das alles umzusetzen? Durch Höhen und Tiefen – auch wenn es so hart wird, dass man nicht mehr weiß wie es weitergeht?

Er arbeitete noch bei einem großen Automobilhersteller. Wollte kündigen. Wollte wirklich loslegen.

Gut. Dann fang an. Firma anmelden. Zum Amt laufen. Die offiziellen Dinge erledigen. Dort beginnt meistens der Teil, an dem es real wird. Gehört habe ich bis heute nichts mehr.

Das „Aber“ das alles verrät

Irgendwann wiederholen sich bestimmte Gespräche.

Sobald jemand sagt: ich will das machen, ich bin überzeugt davon – aber ich muss ja auch die Miete zahlen. Aber es muss ja laufen. Aber erst wenn das und das geklärt ist.

Dann ahne ich meistens schon, wie die nächsten Monate aussehen werden.

Das Aber sitzt tief. Die Art, wie jemand mit Unsicherheit umgeht, prägt oft das gesamte Unternehmen und mag der entscheidende Unterschied sein zwischen machen und nicht machen.

Diese Frage – bist du wirklich bereit – soll natürlich nicht falsch verstanden werden. Als wäre es ein Urteil. Ganz sicher nicht. Sie soll nur das Bewusstsein darauf lenken, worauf man sich einlässt.

Nicht jeder muss alles können

Es ist ein bisschen wie die Frage, ob jemand einen Hang zu Design hat. Viele Menschen interessieren sich für Ästhetik und Gestaltung. Viele können sich ihre Wohnzimmer einrichten oder wissen, wie man einen Kreis zeichnet. Viele wissen auch, was für sie schön aussieht und was nicht. Aber nicht jeder entwickelt denselben Zugang dazu und kann sich den generellen Regeln der Ästhetik in Form und Farbe öffnen. Das ist natürlich vollkommen in Ordnung – und da sich der Verfasser dieses Textes auf diesem Gebiet bewegt, ist das natürlich das Beispiel der Wahl.

Genauso kann man es allerdings mit Unternehmertum sehen. Nicht jeder muss alles selbst können. Ein guter Geschäftsführer kann auch einer sein, der sagt: ich habe die Idee – und ich stelle die Leute ein die sie umsetzen. In vielen Fällen ist das sogar die bessere Entscheidung.

Aber es gibt einen Unterschied zwischen jemandem der das bewusst so entscheidet – und jemandem der nie selbst durch schwierige Phasen gehen musste. Die Verbindung zum Unternehmen fühlt sich oft anders an, wenn das persönliche Risiko nie wirklich da war.

Manche bauen etwas auf, weil sie das Gefühl haben, gar nicht anders zu können. Sie bauen auf etwas zu. Andere wollen weg – weg vom falschen Leben, weg von einem Job, der nicht passt. Diese bauen davon weg. Manche haben beides gleichzeitig. Aber eines gilt bei allen in gleichem Maße: Wer erst startet, wenn alles sicher wirkt, verschiebt den ersten Schritt oft endlos.

Die Momente, in denen man denkt: Das war’s

Alle Unternehmer in meinem Bekanntenkreis kennen diese Geschichte. Es gab Phasen, die so schwierig waren, dass sie dachten: jetzt ist es vorbei.

Unser Nachbar – leider schon verstorben – hat einmal erzählt, dass es Phasen gab, in denen er seinen Bruder anrief und fragte: hast du noch ein bisschen Geld? Wir müssen die Löhne bezahlen. Sie haben vor vierzig Jahren im Schweinestall angefangen, mit ihrer ersten Maschine.

Damals ging es einfach nur darum, weiterzumachen.

Heute steht das Ergebnis als ein erfolgreiches Unternehmen da, das mittlerweile an die nächste Generation weitergereicht wurde.

Jasmin und ich haben solche Momente selbst erlebt – und das schon in unserer noch recht jungen Vergangenheit. Phasen, in denen man nicht wusste, wie es weitergeht. In denen man sich fragt, was zuerst bezahlt wird: Miete oder Leasing? Löhne oder Krankenkasse? Und so absurd es dann letztlich kommen kann – über die Zeit lernt man etwas, das viele nie lernen:

„DASS es weitergeht ist völlig klar. WIE es weitergeht steht auf einem ganz anderen Blatt.“

Wer nach dem großen WIE fragt, lähmt sich selbst. Die richtige Frage ist kleiner: Was ist der NÄCHSTE Schritt den ich jetzt tue? Was ist HEUTE wichtig?

Vielleicht beschreibt kaum ein Lied dieses Gefühl besser als I Did It My Way. Nicht wegen des Erfolgs. Sondern wegen der Momente davor – die schwierigen Phasen, die zwangsläufig kommen.

Mann in leerer Halle – der Weg, das Unbekannte

Warum unsere Schublade so voll ist

Nur dann, wenn ich das Gefühl habe, dass jemand den Weg auch wirklich gehen will – nicht solange es schön ist, sondern auch wenn es schwierig wird – ergibt es Sinn, Zeit und Energie in eine gemeinsame Idee zu investieren. Dabei ist es natürlich gar nicht gesagt, dass es unbedingt holprig werden muss.

Ursprünglich haben wir als Unternehmen für Produktentwicklung angefangen. Zwölf Jahre später existieren wir als Designbude SCHRAEGER. Warum? Zum einen, weil wir uns stetig bewegt haben. Und zum anderen, weil es schon recht früh klar war, wohin die Reise geht.

Ich hatte schon mit 15 ein Praktikum in einer Werbeagentur gemacht – JK in Bielefeld. Damals fühlten sich Agenturen noch anders an. Man hat sofort gespürt, dass dort Dinge entstanden sind. Damals wurden Anzeigen noch gezeichnet und dann in den Druck gegeben. Ich erinnere mich sogar noch an eine Zeichnung für die PEACOCK-Drucker, die im Original auf dem Schreibtisch lag. Eine Kunst für sich. Ich wusste damals schon: ich will das. Ich will eine eigene Agentur. Ich will Ästhetik erschaffen.

Und so hat sich das Unternehmen entwickelt. Mehr und mehr in Richtung Dienstleistung. Das ursprüngliche Produkt wurde dabei nicht aufgegeben – es wurde parallel weiterentwickelt. Es ist heute in der finalen Phase und wird zeitnah auf den Markt kommen.

Der Plan hat sich verändert. Das Ziel nicht.

Mit der Zeit entstehen oft mehrere Richtungen gleichzeitig. Götterbohne zum Beispiel entstand genau in einem Moment, in dem man kurz innehielt, um zu prüfen: bin ich noch auf Kurs?

Unsere Schublade reicht von Lebensmitteln bis zu technischen Produkten, digitalen Dienstleistungen, KI-Anwendungen. Vieles ist halb fertig. Manches wartet. Wir entscheiden per Priorität was als nächstes ansteht.

Viele wichtige Erfahrungen entstehen erst dann, wenn man am Anfang selbst Verantwortung tragen muss. Spätestens wenn es anfängt zu laufen, verändert sich die Verhandlungsposition gegenüber einem Investor komplett.

Was den Unterschied macht

Nicht die Idee macht am Ende den Unterschied. Sondern die Bereitschaft, den Weg auch dann weiterzugehen, wenn es schwierig wird.

Pflanze wächst durch Beton – Weitermachen trotz allem

Und genau dort trennt sich oft eine Idee von einem Unternehmen.

Kommt Ihnen das bekannt vor? Finden Sie sich in diesem Artikel wieder? Sprechen Sie uns an →

Ergänzende Artikel

Diese Themen passen zum Artikel – falls Sie weiterlesen möchten:

Digitalisierung im Mittelstand: Warum Early Adopter Krisen einfach aussitzen →

Wenn Menschen sich an das Erlebnis erinnern – aber nicht an die Marke →

Die Möbelbranche am Scheideweg – was Hersteller wirklich denken →

Mehr Artikel

Alter und neuer Kompass – alte und neue Wege in der Möbelbranche
Trends
Was uns die Möbelbranche in den letzten Monaten wirklich gesagt hat
Artikel lesen
Planet im Weltall – Marken die im Gedächtnis bleiben
Trends
Wenn Menschen sich an das Erlebnis erinnern – aber nicht an die Marke
Artikel lesen