Ich habe immer zuerst auf den Menschen geschaut. Zeugnisse interessieren mich erst mal wenig.
Was ich sehe, wenn jemand vor mir sitzt, ist die Person. Die Haltung. Die Energie. Ob da jemand ist, der wirklich will – oder jemand der einfach einen Job sucht.
In der Regel hat das funktioniert.
Die Dinge, über die Unternehmer selten sprechen
Unternehmer entscheiden sich manchmal für den härteren Weg – und das teilweise unwissend. Weil in dem Moment eine Entscheidung sich richtig anfühlt, die sich später als zäh herausstellt. Das gehört dazu.
Was kaum jemand offen sagt: Wir treffen Entscheidungen, die sich später als falsch herausstellen. Wir stellen Menschen ein, die nicht passen. Wir restrukturieren. Wir trennen uns. Wir fangen neu an.
Was nicht dazugehören muss – aber trotzdem passiert – ist die Art, wie manche Menschen in genau solchen Momenten reagieren.
Tom
Nennen wir ihn Tom.
Wir haben ihn eingestellt, obwohl er kein ausgewiesener Profi in dem Bereich war, für den er gekommen ist. Aber ich habe auf den Menschen geschaut. Und ich hatte ein gutes Gefühl dabei. Also haben wir es gewagt.
Er ist aus dem Norden runtergezogen. Ein echter Schritt. Wir haben ihm eine Wohnung zur Verfügung gestellt. Ein Auto. Er konnte sich Schritt für Schritt weiterentwickeln, sein Ding machen, sich weiterbilden. Er hat sich gut eingebracht. Lange Zeit.
Dann kam eine Phase, in der es knapp wurde. Ich habe privates Vermögen in die Firma gesteckt, damit alle noch einen Arbeitsplatz haben. Solche Entscheidungen bleiben oft unsichtbar. Von außen sieht man solche Phasen selten.
Und dann, irgendwann in genau dieser Phase, führe ich mit Tom ein offenes Gespräch über alle möglichen Themen. Und mitten darin sagt er:
„Unternehmer kaufen sich lieber teure Kunst als das Geld ihren Mitarbeitern zu geben.“
Und das in einem Moment, in dem ich privat versucht habe, das Unternehmen überhaupt stabil zu halten.
Er hat es nicht böse gemeint. Das ist das Schlimmste daran. Er hat es wirklich geglaubt.

Das Loch ohne Kappe
Ich bekomme die finalen 3D-Renderings eines Möbelstüks. Ich sehe sofort die Einbohrungen – Löcher ohne Kappen. In der Anleitung des Originals: natürlich sind da Kappen drauf. Das Bild ist unfertig.
Ich spreche Tom darauf an. Zwei Meter von ihm entfernt sitzt der Kollege, der die Bilder gerendert hat.
Es beginnt eine Diskussion warum das so reicht. Warum er das bewusst so gelassen hat. Ich frage: ein Loch ohne Schraube ohne Kappe – was soll das zeigen? Und warum bekomme ich überhaupt ein Bild, wenn es nicht fertig ist?
Seine Antwort: er wisse nicht, was sein Kollege macht.
Obwohl die Lösung zwei Meter entfernt saß.
Irgendwann musste ich klar werden.
„Es reicht. Du machst das fertig. Ende.“
Nicht wegen des Lochs. Wegen allem, was dahintersteckt: die Energie, die in die Verteidigung einer unfertigen Arbeit fließt statt in die Lösung. Das Wegschauen. Das Nicht-Fragen.
Der Geschäftsführer
Die Firma befindet sich in einer schwierigen Phase. Heute würde ich diese Entscheidung anders treffen – aber damals haben wir uns dazu entschlossen, jemanden mit hoher Verantwortung einzustellen.
Ihn kannte ich übrigens bereits seit 2017. Damals war er Teil eines Unternehmens, das wir angefragt hatten – ob sie uns unterstützen wollen. Sie haben abgelehnt. Neun Jahre später sitzt er bei mir und bewirbt sich.
Hohes Gehalt. Auto. Handy. Laptop. Und vor allem: Vertrauen. Das Auto hatten wir für ihn gemietet. Ich zahle heute noch dafür.

Viele Vorschläge wirkten auf mich wenig eigenständig. Nach kurzer Zeit hatte ich das Gefühl, dass die Zusammenarbeit nicht die Tiefe entwickelt, die notwendig gewesen wäre.
Nach sechs Wochen müssen wir uns trennen. Die Firma muss restrukturiert werden. Das Gehalt kommt drei Tage später als erwartet.
Drei Tage.
Als erstes kommt die Drohung mit dem Arbeitsgericht. Nicht ein Gespräch. Nicht eine Frage. Nicht: was ist passiert? Sofort: Arbeitsgericht.

Interessant war, wie unterschiedlich Menschen mit derselben Situation umgegangen sind. Manche haben ruhig und lösungsorientiert reagiert – haben gefragt, was sie tun können, um die Situation zu entschärfen. Andere nicht.
Was ich gelernt habe
Nicht dass man niemandem vertrauen soll. Nicht dass man aufhören soll, in Menschen zu investieren.
Sondern: Schwierige Phasen verändern selten Menschen – sie machen Eigenschaften sichtbarer. Nicht im Vorstellungsgespräch. Nicht in guten Zeiten. Sondern genau dann, wenn drei Tage fehlen. Wenn ein Bild nicht fertig ist. Wenn die Firma gerade kämpft.

Tom ist nicht mehr dabei. Der Geschäftsführer auch nicht.
Das Unternehmen läuft weiter, reagiert auf Herausforderungen und passt sich an wie ein Chamäleon.
Genau darin zeigt sich, ob ein Unternehmen wirklich Substanz hat.
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